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Bi-Wünsche oder Bi-Realitäten?

Romantik-Schnulze in lesbischer Verführung - die Verführerin spendet Trost
Die Liebe unter Frauen – schon ein plakativer Satz wie dieser hat jenen romantischen Hintergrund, der bei der Beschreibung der sogenannten „lesbischen“ Begegnungen im Vordergrund steht.

Doch was passiert wirklich? Und ist das, was wirklich geschieht, genau das, was deine Leserinnen sich wünschen?

Bevor wir uns falsch verstehen – hier geht es nicht um Lebensentwürfe oder das Glück, mit einer Partnerin zu zusammenzuleben, zu der eine innige Beziehung besteht. Frauen, die sich tatsächlich als „lesbisch“ definieren, sind nicht die Zielgruppe der erotischen Literatur rund um die Bisexualität. Denn vor allem Hetero-Frauen sind es, die sich gerne von Ihren Figuren verführen lassen wollen oder gedanklich selbst einmal eine raffinierte Verführerin sein wollen. In der Regel wünschen sich Leserinnen aber eher, die Verführte zu sein.

Verführerinnen handeln überlegt

Die Verführerin tut nichts zufällig. Sie lauert, sie lockt und sie drängt, wie es ein Mann tun würde, nur auf wesentlich subtilere Art. Sie hat, wie man so sagt, einen „bessern Zugang“ zur weiblichen Psyche und weiß deshalb, wann und wie sie das Repertoire ihrer Verführkünste anwendet. Und darüber hinaus hat sie freien Zugang zu allen Fantasien, die Frauen zwar im Hinterkopf haben, die sie aber selbst ihren besten Freundinnen gegenüber nicht zugeben würden. Verführungen sind ja keine „Übergriffe“, sondern sie locken nur das hervor, was in den tiefsten Gehirnwindungen schlummert. Wer verführt, bricht die Schamgrenze und ander Hürden – und wenn sie einmal gebrochen sind, bedarf es kaum noch der Verführung, denn dann ist die Wollust befreit und sprudelt munter hervor, mal in sanften Bächen, mal in Fontänen der Begierde.

Lesbische Verführungen - Selbstläufer, wenn die Hemmungen überwunden sind

Verführungen sind also – in der Realität wie im Roman – im Grunde Selbstläufer, sobald eine bestimmte Grenze überschritten wurde.

Selbstverständlich gibt es auch bei Verführungen „retardierende Momente“, meist kurz vor dem entscheidenden „Sprung über die Hürde“. Hier beginn die Kunst der Autorin: Sie muss nun Furcht und Lust im Widerstreit darstellen, wobei durchaus auch einmal die Furcht siegen kann. Solle Sie diesen Kunstgriff verwenden, so können Sie anschließend beschreiben, wie ihre Figur ihre Weigerung bedauert und wie sie aus dieser Situation nun selber danach lüstet, verführt zu werden.

Grundlagen der lesbischen Verführung in der Literatur

Die Verführerin handelt niemals absichtslos oder aus purem Zufall. Entweder sie plant die Verführung mit aller Konsequenz, oder sie nimmt eine zufällige Begegnung zum Anlass, alle Register ihrer verführerischen Kraft zu ziehen. Sie kann dezent, zärtlich und einfühlsam vorgehen, oder auch skrupellos, heftig und ausschließlich zielgerichtet. Ein weit verbreitere Irrtum besteht darin, weibliche Verführerinnen als edel, mild oder einfühlsam darzustellen zu müssen, sozusagen als Tröster der zerrissenen Seelen unsicherer junger Frauen.

Die Verführte - latente Bereitschaft ist eine gute Voraussetzung

Die Frau, die sich verführen lässt, also etwas Ihre Hauptfigur, sucht entweder latent nach lesbischen Abenteuern, oder sie hat noch wenig Erfahrungen mit Liebe, Lust und Leidenschaft. Oder sie wünscht sich, zärtlich in die Liebe eingeführt zu werden – gleich von wem. Die Sehnsüchte, die sie hat, müssen sinnlich oder erotisch sein, aber nicht zwangsläufig auf eine Bi-Beziehung ausgerichtet, etwa maximale Zärtlichkeit, der Wunsch, „auf schön“ verführt zu werden oder einfach „die Lust an sich“ zu spüren. Günstig ist, diese Wünsche Ihrer Figur schon vorher zu entwickeln.



Nähe als Einstieg in die Verführung

Die Methoden variieren ausgesprochen stark, aber eines ist sicher: Nähe ist ein entscheidender Faktor, und vor allem der Wunsch nach Berührungen, Umarmungen und auch nach scheuen, zärtlichen Küssen. Dies alles ist völlig normal im gemeinsamen Umgang. Nur legt es die Verführerin darauf an, Haut- und Lippenkontakte zu intensiveren. Aus Internaten und Lyzeen gibt es zahllose Geschichten, in denen sich die Schülerinnen im Zungenkuss üben – sozusagen als Vorbereitung darauf, sie mit einem Mann auszutauschen. Aber einige dieser jungen Frauen finden Gefallen an den Gefühlen, die dabei unweigerlich entstehen – gleich, ob sie von einer Frau oder einem Mann ausgehen.

Im Internet: Alles geht viel zu schnell

Sieht man sich die Geschichten im Internet an, die sich um Verführungen von Frauen durch Frauen drehen, so wird kaum jemals deutlich, wie die Verführerin vorging, bevor es zu dem kam, was man „sexuelle Handlungen“ nennen könnte. Und auf der anderen Seite wird kaum jemals klar, wie die Verführte den inneren Zwiespalt zwischen Sehnsucht und Furcht überwand. Viel zu schnell wandern die Finger am Körper entlang, schieben sich unter den Rock oder Slip und was dergleichen mehr ist – kurz: Es trieft nur so von Klischees über Verführungen.

Oh das ist nicht das Ende dessen, was ich dazu sagen könnte. Aber es mag genug sein, um Sie zu der Idee zu verführen, einmal einen Roman mit sinnlichen Bi-Verführungen zu schreiben.

Die Bilder stammen aus älteren Magazinen über angeblich "lesbsiche" Beziehungen und aus historischen Fotoarchiven

Themen für Frauenerotik: fließende sexuelle Identitäten

Wer bin ich? was möchte ich sein? Und ist das wirklich schön?
Mehr als jemals zuvor machen sich junge Frauen zwischen 18 und 25, aber auch erstaunlich viele Frauen zwischen 40 und 50, Gedanken über ihre sexuelle Ausrichtung. Der Grund liegt in dem, was man heute „fließende Identitäten“ nennt.

Früher war es so: Eine Frau galt zumeist als „hetero“, weil sie sich so zu fühlen hatte, auch wenn sie sich durchaus zu Frauen hingezogen fühlte. Es war einfach üblich, so zu denken - und die Verwandten und Freunde erwartet genau das von ihr. War sie jedoch „lesbisch“ und stand sie dazu, so sorgte wiederum die Umgebung dieses Umfelds dafür, dass sie sich eindeutig so etikettierte.

Seit Frauen sich überall orientieren können und ihr Lebensentwurf nicht mehr von einem Ernährer oder einem anderen Sponsor bestimmt wird, hat sich alles geändert. Sie können sein, was sie wollen und ihre Lust mit diejenigen ausleben, den sie zufällig treffen. Und dann können sie sich Etiketten anheften oder auch nicht.

Wenn ihr erotisch schreibt, werdet ihr jetzt schon ahnen: Daraus entstehen jede Menge Konflikte und völlig neue andere Ausgangssituation für eure Figuren als bisher. Ob eure Heldin 18 oder 48 Jahre alt ist: Sie kann Verführerin oder Verführte sein, Sie kann sich rühmen, mal Frauen mal Männer zu lieben oder daran verzweifeln. Ihre sexuelle Fluidität kann andere verwirren oder anregen.

Das Thema ist für viele Frauen aktuell, die wissen, wir sehr sie sich zu Frauen hingezogen fühlen, aber sich nicht trauen, dies zuzugeben. Du kannst wirklich etwas draus machen, wenn du dich traust. Findest du selbst andere Frauen attraktiv, hast aber nie gewagt, sie daraufhin anzusprechen? Deine Heldin wird es für dich tun, und du kannst dich ganz in sie hineinversetzen – so wie es deine Leserinnen auch tun werden.

Trau dich einfach, es lohnt sich.

Warum du ruhig etwas offensiver schreiben darfst

Warum du ruhig etwas offensiver schreiben darfst - dafür aber sehr viel kürzer will ich dir in diesem Artikel sagen.

Aus deinen Texten darf die Liebe herausquellen, und auch die Lust darf in dicken Tropfen auf den Boden fallen. Vor allem aber sollten die Gefühle, die du schilderst, irgendwie mit deiner Figur übereinstimmen.

Das kannst du üben, indem du einfache Formen wählst. Kurze Gedichte, zum Beispiel. Etwas, das sich einprägt, so wie dies:

Jeder Mund, den du je geküsst hast,
war nur eine Übung,
und all die Körper, die du entkleidet hast,
und in die du eingedrungen bist,
waren nur eine Vorbereitung auf mich.


Versuche, etwas von der multikulturellen Autorin Warsan Shire zu lernen. Sie ist erst 28 Jahre jung, aber sie ist eine Ausnahme-Poetin der Liebe.

Wirklich die schlechteste Sexszene in der gehobenen Literatur?

Der Italiener Erri De Luca, hat den Preis für die am schlechtesten dargestellte Sexszene in einem Werk der offiziellen Literatur gewonnen (1). Michael Moore hat ihn übersetzt, und wir wissen nicht, wie gut die Übersetzung war.

Offenbar handelt es sich um ein „erstes Mal“, das von einem sehr jungen Mann geschildert wird. Rückübersetzt aus dem Englischen, würde die beanstandete Stelle in etwa heißen:


Ich drang in sie ein. Nicht nur mein Penis, nein, alles von mir drang in sie ein, in ihre Eingeweide, in ihre Dunkelheit, mit weit geöffneten Augen, ohne etwas zu sehen. Mein ganzer Körper war nun in ihr.



Ob Erri de Luca den Preis zu Recht oder zu Unrecht bekommen hat? Wie erlebt ein Jüngling sein erstes Mal, wenn er von einer offensichtlich erfahrenen Frau recht offensiv verführt wird? Ich denke, ich habe schlimmere Sexszenen gelesen.

Möglicherweise war die Szene nun wirklich nicht so schlecht geschildert. Die Frau bestimmt, was getan wird und wie es getan wird – und sie benutzt ihn wie einen fleischlichen Dildo. Das ist nicht verwerflich – aber wie muss es auf einen jungen Mann wirken, der das erste Mal mit der gewaltigen Lust einer erfahrenen Frau konfrontiert wird?

Was meinen Sie?

(1) Laut Washington Post.
Anmerkung: Ich kenne die deutsche Übersetzung von Annette Kopetzki leider nicht.