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Thema: Das ganz gewöhnliche Lusterlebnis beschreiben

Dieser Artikel ist ziemlich lang - und er wendet sich an Schreibanfänger(innen), und Hobby-Autorinnen, die "eigentlich nur über das ganz Gewöhnliche" beim Sex schreiben wollen. Wir haben den Ursprungsartikel umgearbeitet, um euch zu zeigen: Blümchensex oder Vanille-Sex eignet sich wirklich enorm gut für erotische Texte.

Das ganz gewöhnliche Lusterlebnis

Begabte Autorinnen und Autoren versuchen, das Gewöhnliche ungewöhnlich zu beschreiben. Im Umkehrschluss versuchen weniger Begabte, das Ungewöhnliche ganz gewöhnlich zu Papier zu bringen. Der Satz gilt für alle, die jemals den Schreibgriffel, den Gänsekiel, den Füllfederhalter, die Schreibmaschine oder die Tastatur traktiert haben.

Plastische Worte, sinnliche Gefühle

Warum ist das so? Vor allem, weil der erfahrene Autor eine Handlung, ein Gefühl oder einen anderen anderen Umstand möglichst plastisch beschreiben will. Er weiß, dass er sich in das Hirn seiner Leser(innen) hineinschleichen muss, und seine Erfahrung sagt ihm: je plastischer das aus Wörtern geschaffene Bild, umso sicherer erreicht er Gedanken und Gefühle.

Nichts zu verstehen ist ganz schlecht

Je profaner die Literatur, je hölzerner ein Autor an seine Figuren und ihre Empfindungen herangeht, umso mehr neigen Autorinnen und Autoren dazu, die Szenen nicht mehr plastisch, sondern plakativ darzustellen. Hinzukommt noch, dass solche Autoren nur wenig von dem wirklich verstanden haben, worüber sie schreiben. Etwas nicht selbst erlebt zu haben, ist absolut in Ordnung. Sich nicht in die Situation hineinversetzen können, disqualifiziert den Autor.

Hingeschluderte Romane haben heute einen Markt - leider

Wir leben in einer Zeit, in der solche hingeschluderten Romane einen riesenhaften Markt vorfinden. Das war noch ganz anders, als derartige Bücher verboten waren oder sie nur einem kleinen Kreis zugänglich waren, der sich die nummerierten Prachteinbände leisten konnte. Der Kritiker Dr. Paul Englisch schrieb deshalb 1931 noch (1):

Sie wenden sich an ein Publikum, das literarisch versiert ist, also ein Urteil besitzt. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob der Wunsch nach ungeahnten sexuellen Genüssen dafür .. maßgeblich ist.


Die Worte des Kritikers klingen wie eine Mahnung, wenn er schreibt, dass der Plebs ohnehin keinen Zugang zum Buch fände. Genau aus diesem Grund würden „geistlose Schmierereien“, bei denen lediglich ein sexueller Akt an den nächsten gereiht würde, zum Scheitern verurteilt sein.

Was machen nun diejenigen, die von Paul Englisch als „Schmierer“ gebrandmarkt werden und die ich hier als „wenig erfahrene“ bezeichne?

Sexszenen aneinander zu reihen ist keine Literatur

Im Bereich der Schriftsteller(innen), die sich der körperlichen Liebe zuwenden, tritt ein Mangel besonders hervor: Sie versuchen, sich mit oberflächlichen Schilderungen der Abläufe aus der Affäre zu ziehen. Doch weil der Reiz solcher Schilderungen, wie schon zuvor angedeutet, recht schnell vergeht, muss eine neue Szene her, die zwar spektakulärer ist, aber ebenso oberflächlich dargestellt wird.

Das Gewöhnliche beim Sex ist „fast alles von fast Nichts“

Ein Schriftsteller hat einmal behauptet, in der Literatur würde der Leser „fast alles von fast nichts“ erfahren. Erotische Schriftsteller hingegen, so meine Beobachtung, langweilen uns oft genug damit, fast nichts von fast allem zu erfahren.

Was wir als „narratives Schreiben“ bezeichnen, erzeugt in Verbindung mit üblichen Klischees und oberflächlich gewählten Worten in der Erotik leider nicht als Schund. Ich will es am Beispiel erläutern.

Sexuelle Klischees sind wirklich schrecklich

Wenn deine Heldin einen Reißverschluss öffnet, und „sein Speer“ dann herausbolzt, steif und aufrecht wie ein Königspinguin, dann – lassen es mal besser mit dem anspruchsvollen erotischen Schreiben. Penisse liegen nicht hinter Reißverschlüssen, und selbst falls sie bereits ein wenig steif sein sollten, müssen sie doch erst einmal aus den Boxershorts herausgelockt und zumeist noch etwas „nachbehandelt“ werden. Dies alles gehört – normalerweise – zum „ganz gewöhnlichen Sex“. Ebenso hat der Tanga nicht immer schon „eine riesige feuchte Stelle“, wenn die ersten Zungenküsse ausgetuscht wurden – ja, möglicherweise bleibt die Feuchtigkeit der Vagina weit hinter der situativen Geilheit zurück.

Sex ist ein Prozess, nicht ein Abfolge einzelner Handlungen

All das gehört zu dem, was „normalerweise“ passieren kann. Sex ist ein Prozess, der im Kopf beginnt, und erst dann den Körper erfasst – und nicht immer arbeiten Kopf und Körper synchron. Hinzu kommt: Was im Kopf vor sich geht, ist schwer zu beschreiben, und das, was im Körper vorgeht, ist mit Scham besetzt. Oftmals haben Männer noch nie eine Klitoris gesehen und Frauen noch nie eine Vorhaut über eine Eichel geschoben. Die Anatomie des eigenen Geschlechts ist oft so unbekannt wie die des anderen Geschlechts. Und die Prozesse, die zwischen dem Gehirn, dem ausführenden Körper und den Nervenbahnen ständig stattfinden, sind unendlich schwer zu beschreiben.

Also beschränken sich viele Autorinnen und Autoren auf das Naheliegende: Penis steif, Vagina feucht, rein-raus, stöhn-stöhn. Spermaflüssigkeit bereitet sich aus, versucht entweder, den Muttermund zu erreichen oder scheitert an den Latexwänden der Lümmeltüte. Falls es etwas Porno mit verpackt wurde, glitzert es bald auf Bauch und Brüsten der Beschenkten. All dies mag noch den einen oder anderen deiner Leser(innen) aufgeilen, aber s ist nicht das, was dein Liebespaar wirklich fühlt.

Den Sex aufmotzen mit "perversen" Varianten?

Weil sich nicht viel schildern lässt, wenn ein ganz gewöhnliches Paar in einem ganz gewöhnlichen Bett ganz gewöhnlich miteinander vögelt, versuchen viele von euch einen Trick, um das Geschriebene anzureichern; sie versuche mit Lüsten, die als ein bisschen „pervers“ gelten. Das können Rollenspiele oder Analverkehr sein … oder eben ein bisschen „Sadomaso“, wie in den „50 Shades of Grey“. Von all dem weiß man zwar nichts Genaues, kann es auch nicht wirklich nachvollziehen – aber es motzt die Geschichte eben auf. Wenn sie sich an brave Mittelstanddamen wendet, mischen sich Neugierde, Lust und Empörung – immer gut, um das Buch zu verkaufen. Und man kann ein Dutzend Schläge mit dem Rohrstock gegebenenfalls in zwölf Variationen beschreiben, während dies bei zwölf Hubbewegungen des Beckens schwerfällt.

Das Organ, in dem der Sex am sinnlichsten ist

Muss das alles so sein? Ich empfehle, bei Themen wie Sinnlichkeit, Erotik und Sex vor allem einmal das Organ zu beteiligen, das bei der Lust die Funktion des Steuermanns einnimmt: das Gehirn. In ihm wird die Lust erzeugt, werden die Ergebnisse von Berührungen aller Art verarbeitet und die Lust wie auch der Ekel plastisch und vielfarbig erzeugt. Und genau dies lässt sich durchaus beschreiben.

Vanille-Sex ist besser als sein Ruf, wenn die Wallungen der Gefühle in allen Körperteilen erkennbar werden. Wenn das Blut die Oberhaut verfärbt, wenn Hitzewallungen den Körper durchziehen, wenn die Wollust zu unkontrollierten Bewegungen führt, wenn die Kehlen trocken werden oder der Speichel tropft.

Wir können schildern, wie wir dann und wann einen Fetzen Erinnerung, der an uns vorbeischwebt, wahrnehmen. Wir können schildern, wann wir den anderen noch als Person sehen und fühlen - und wann wir nur noch wie in Trance von der Wollust geschüttelt werden, die er uns schenkt.

Wie realistisch ist deine erotische Vorstellungskraft?

Unsere Scham, unsere Verletzlichkeit, unser Ekel, unsere Überwindung, damit umzugehen – all das ist Teil der Sinnlichkeit, die wir erleben. Kommen wir noch einmal zu dem Moment, in dem deine Heldin den Reißverschluss öffnet. Der Penis der Zufallsbekanntschaft quält sich unter dem Bauwollstoff seines Slips, und er wartet darauf, dass ihn eine zarte Hand berührt. Deine Heldin fasst unter den Gummibund, und entdeckt, wie er sich anfühlt. Sie tut dies nicht jeden Tag, nicht wahr? Und sie sieht und berührt nicht so viele Penisse wie eine Hure. Weißt du nicht selber, dass sich jeder Penis anders anfühlt? Und berührst du üblicherweise einen Penis so, als sei er eine Salami? Wo berührst du ihn überhaupt? Siehst du ihn dir an, während du ihn berührst? Denkst du daran, wie er sich wohl anfühlen mag, wenn der Umstand eintritt, für den du ihn ans Licht gezerrt hast?

Kam ich dir zu nahe? Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, sondern dir sagen: Das alles wirst nicht DU tun. Deine Figur tut es für dich.

Siehst du: Und da liegt nun ein erheblicher Unterschied darin, wie begeistert sie dies tut, wie oft sie dies schon zuvor tat, und was sie sich davon verspricht.

Und ja – wenn du das wirklich zu Papier bringen kannst, dann ist es gute erotische Literatur – ob mit Blümchen bekränzt oder mit Vanillesoße serviert.

Zitat: Paul Englisch, aus dem Nachdruck des Buches "Geschichte der erotischen Literatur"

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